Verband Deutscher Lehrkräfte im Ausland

Alles neu in Neu-Kairo

Weltpolitische Lage, Schulleiterwechsel und die BLi – Herausforderungen und Umbau an der ESK – von Thomas Becker

Schon bevor sich die Tür zum Schulhof öffnet, hört man die jugendlichen Stimmen hinter der Campusmauer in freudigen Jubel ausbrechen. Die Luft flirrt vor Spannung und das liegt nicht nur an 35 Grad im Schatten: Es sind Abiturprüfungen an der Europa-Schule Kairo. Und der Jubel begrüßt nach und nach die erfolgreichen Absolventen, die aus der mündlichen Prüfung kommen.

„Vor zwei Wochen hatte ich noch Haare…“ sagt Schulleiter Ali Daccour und lacht.

Trotz viel Stress grüßt mit festem Händedruck und offenem Lächeln der Schulleiter Ali Daccour. Der 52-jährige ist erst seit zwei Jahren in Ägypten. Seine Schule liegt im Stadtteil Neu-Kairo. Dort entsteht, am Reißbrett entworfen, das neue politische Zentrum Ägyptens. Vor allem die Oberschicht richtet sich hier ein: Neubauten überall, Autobahnen. Auch eine Hochbahn ist im Bau, um das Alte mit dem neuen Kairo zu verbinden. Ali Daccour hat seinen Posten in einer besonders aufregenden Zeit angetreten. Ironisch und mit breitem Lächeln sagt er deshalb auch: „Vor zwei Wochen hatte ich noch Haare…“. Denn die Herausforderungen sind groß: „Wir haben jetzt das Abitur, die Schulinspektion BLi steht am Ende der Woche an und die politische Lage betrifft uns in der Region außerdem in besonderem Maße.“ Teile der Schüler sind von der aktuellen Weltlage direkt betroffen. Zwei Väter stecken aktuell in der Straße von Hormus fest. Als Kapitäne von Handelsschiffen. Von Kairo ist die Meerenge lediglich 1000 Kilometer Luftlinien entfernt. „Mit solchen Herausforderungen müssen wir umgehen und pädagogisch und individuell die Schüler betreuen“, so Ali Daccour weiter und ist auf dem Weg zur nächsten Prüfung.

Wüstenstandort Neu-Kairo

Vor drei Jahren erst feierte die Schule ihr 25-jähriges Jubiläum. „Zu Beginn war hier alles Wüste, auf den ersten Fotos ist noch kein einziges Haus um das Schulgelände herum zu sehen“, erzählt Musiklehrerin Jelena Richenhagen, die als Ortslehrkraft nach Nordafrika gekommen ist. Stolz präsentiert sie die Neuerungen an der Schule: „In der Pausenhalle gibt es jetzt Lerninseln aus Holz, die selbstständiges Lernen und freie Unterrichtskonzepte ermöglichen. Es braucht Zeit, aber mehr und mehr gewöhnen wir uns als Kollegen daran“.

Musiklehrerin Jelena Richenhagen: Spaß, auch wenn viel Arbeit hinter ihnen liegt.

Insgesamt ist es mit mehr Blumen auf dem Gelände grüner geworden und auch neue Lernmethoden hat das Kollegium erarbeitet. Sie hängen nun – für alle sichtbar – an den Flurwänden. Auch pädagogisch hat sich seitdem einiges getan, Richenhagen hat seit kurzem eine Geigenklasse mit ihrem Kollegen eingerichtet.

Zusammenarbeit mit den anderen deutschen Schulen

Seit der Gründung 1998 hat die Schule eine Erfolgsgeschichte hingelegt in wenigen Jahren. Sie ist zur Nummer sieben in der Liste der fast 140 deutschen Auslandsschulen aufgestiegen. Rund 1400 Schüler und Schülerinnen besuchen den Campus der Europa-Schule – die eine reguläre Deutsche Auslandsschule ist, die zum Abitur führt, auch wenn der Name eine andere Ausrichtung zu betonen scheint.

Die Waben zum selbstgesteuerten Lernen – eine der vielen Neuerungen an der Schule in Neu-Kairo

In Kairo gibt es insgesamt vier anerkannte deutsche Auslandsschulen, die somit auch von Deutschland aus finanziell und mit Lehrkräften unterstützt werden. Seit den finanziellen Kürzungen der zurückliegenden Jahre sind sie noch enger zusammengerückt. „Seit die Prozessbegleitung nicht mehr von der ZfA finanziert wird, mussten wir das selber organisieren“, so DFU-Leiterin Tabea Schütt aus Bremen. „Wir übernehmen diese Aufgabe jetzt, natürlich auf freiwilliger Basis und als Zusatzaufgabe. Aber der Austausch ist immens wichtig und wir unterstützen uns auch pädagogisch.“

Deutsche Schule als Sprungbrett nach Deutschland

Und das Schulgeld von rund 3000 Euro pro Schuljahr scheint gut angelegt. Die konkurrierende französische und britische Schule, wenige Meter an der gleichen Straße gelegen, kosten viel mehr. Die Absolventen der Europa-Schule gehen zum allergrößten Teil nach Deutschland zum Studium – vor allem nach Berlin und München. In diesem Jahr sind es 57, im vergangenen waren es sogar 77 Schüler und Schülerinnen. Das Ziel sind beständig 80 Abschlüsse pro Jahr, geht es nach Willen des neuen Schulleiters. Der kehrt nach Abnahme seiner letzten Prüfung zurück, diesmal etwas entspannter: „Alle Prüflinge haben glücklich bestanden“, verkündet er freudig. Die Nähe zu seinen Schülern ist ihm anzumerken und seine Erleichterung groß.

Eine weitere bestandene Prüfung – und wieder brandet ein kleiner Jubel auf auf dem Schulhof in Neu-Kairo.

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